Bitnacht
  • Impressum & Datenschutz
  • Podcast
  • Artikel
  • Links

Ziehen und Ablegen - Sun, Mar 15, 2026

Der „Öffnen“- und der „Speichern unter...“-Dialog sind überflüssig

Amiga-Fans, wie ich wohl einer bin, nennen es File-Requester und damals haben wir uns gefreut, dass in AmigaOS 2.0 endlich im Betriebssystem einer vorhanden war. Unter MS-DOS hatte praktisch jedes Programm einen solchen Dialog, bei dem man mit den Pfeiltasten (und später auch einer Maus) Dateien zum Laden und Speichern auswählen konnte. Ebenso wie das ALT-F4, mit dem man dort Programme beendete, war es ein „Standard“. Um den Dialog schicker und komfortabler zu machen gab es auf dem Amiga auch das Public Domain Patch-Programm „Magic File Requester“ (kurz „mfr“), das sich größerer Beliebtheit erfreute. Wo der Speicher knapp ist und der Dateimanager nicht immer läuft, ist so ein Dialog sehr nützlich. Auf den frühen Amigas wurde oft ohne Workbench gebootet oder der Workbench Screen geschlossen um mehr kostbares Chip-RAM frei zu haben.

Auf heutigen Computern findet man diesen Dialog überall.

Bildschirmfoto aus LibreOffice auf dem Mac

Bei der einfachen Dateiauswahl ist es aber nicht geblieben. Mit dem Dialog kann man umbenennen, löschen und eine Menge anderer Dinge, die sonst der Dateimanager erledigt. Und spätestens bei diesem Gedanken sollte einem ernsthaften Softwareentwickler ein komisches Gefühl beschleichen. Und richtig: hier ist etwas doppelt!

Redundanzbelehrung

Manche Verdopplung hat sich bewährt. Der Mauszeiger und die Schreibmarke in Text sind beispielsweise verschieden. Mann muss sie eigentlich nie gleichzeitig sehen, aber das Verschwinden der Schreibmarke bei Mausbewegungen konnte sich nie durchsetzen. Beim Öffnen-Dialog hingegen bekomme ich praktisch einen vollwertigen Dateimanager (Finder beim Mac; Explorer.Exe bei Windows) außer, dass zwei zusätzliche Buttons gibt („OK“ und „Abbruch“). Das gleiche gilt für „Speichern unter...“ und dem allerersten „Speichern...“. Risc OS, das mit den Archimedes Computern von Acron (heute ARM) ausgeliefert wurde, hatte die potenzielle Redundanz erkannt und lies beim Speichern einfach ein Icon aus dem Menü herausziehen und in einem Fenster des Dateimanagers (Filer) ablegen.

Risc OS hatte konsequentes Drag&Drop

Noch geradliniger war das Konzept der Lisa von Apple. Dort wurden Dateien grundsätzlich mit dem Dateimanager angelegt und zwar indem man eine Vorlage duplizierte. Apple beschrieb das damals so:

Simply tear off a piece of stationery from the tool pad you need (LisaCalc or LisaWrite, for example) and name (label) it according to your filing system. After completing these procedures you're ready to type information on the document stationery or store documents in the folder.

Geöffnet wurden die erzeugten Dokumente natürlich durch einen Doppelklick auf das Icon. Ähnlich löste Commodore beim Amiga das Anlegen von Verzeichnissen. Das Verzeichnis „Empty“ auf der Workbench wurde einfach immer kopiert, wenn man ein neues Verzeichnis brauchte. Auf der Lisa gab es also keinen Menüpunkt „Öffnen...“. Speichern konnte man das aktuelle Dokument nicht unter einem neuen Namen oder neuen Ort, sondern nur so, wie es heute automatisch gespeichert werden würde.

Datei und Druckmenü auf einer Lisa

Nebenbei: Ich habe den Eindruck, dass das automatische Speichern sich noch nicht richtig durchgesetzt hat. Ich sehe aktuell immer wieder diese Mischformen, bei denen man die letzten Änderungen nicht verliert, aber die Datei trotzdem nicht richtig gespeichert ist. Das halte ich für verwirrend. Nach dem Speichern kann man die Rückgängig-Funktion dann weiter benutzen solange das Programm nicht beendet wird. Beendet man das Programm ohne speichern, dann ist es hingegen anders.

Schön ist für mich, dass man auf einem Mac nicht gezwungen ist, die Dialoge zu verwenden. Durch das Icon in der Titelleiste kann man Speichern wie unter Risc OS und das Anlegen von Kopien über den Dateimanager geht praktisch auf jedem Betriebssystem, sobald man jeweils ein Vorlagen Dokument erstellt hat.

Ausblick

Es stellt sich nach 20 Jahren Smartphones und mit all der aktuellen KI allerdings die Frage, ob das Dokumentbasierte Arbeiten ein veraltetes Konzept ist. Der Wandel vollzieht sich schleichend. Programme mit dem Schuhkartonprinzip (wie damals iTunes) haben sich durchsetzen können und wegen der großen Datenmengen mussten auch Dateimanager immer stärker von der hierarchischen Ordnerverwaltung Abstand nehmen. Fast alle haben heute eine Seitenleiste, in der nicht nur Favoriten, sondern auch "intelligente" Sammlungen enthalten sind. Chat-basierte Schnittstellen sind dieser Tage überall im Kommen und werden auch vor unseren Dateien keinen Halt machen. Gehringerechtes Arbeiten aus der Birkenbihl-Denkschule ist mit den Methoden der 80er gut vereinbar gewesen. Für die neueren Ansätze habe ich eher das Gefühl, dass man den Nutzer überfordert und ihm dann automatische Lösungen anbietet, die nur eine geringe Entlastung mit mäßigen Ergebnissen bieten. Aber die Zeit wird zeigen, ob diese pessimistische Sichtweise Bestand hat.

Zurück


© Sven Mertens 2026 | Bitnacht

⁂ Mastodon Codeberg