Fünf Dinge, die ich heute bei Apple vermisse

Ich bin kein Mac-User der ersten Stunde. Meine ersten eigenen Erfahrungen mit dem Mac stammen aus dem Jahr 2001. Über die Zeit hat sich vieles verändert. Viel ist besser geworden, aber es gibt auch das Gegenteil. Hier sind aber fünf Dinge, die ich persönlich gerne wieder sehen würde.

Offenheit

In den 2000ern hatte Apple noch einen Hang zu offenen Standards und Interoperabilität. iChat funktionierte mit anderen Messengern über ein gemeinsames Protokoll, Java war gut integriert, X11 war ein Teil des Betriebssystems und ein iPod konnte wie eine normale Firewire-Platte benutzt werden. 

Man war dabei aber nicht einfach eine Kopie der Konkurrenz: Der Gamma-Wert der Bildschirme war nicht, wie bei Windows, auf einen willkürlichen Wert gesetzt, sondern bezog sich auf die Foto und Videotechnik. Bildschirmfotos waren im Tiff-Format statt im verlustbehafteten JPEG. Man richtete sich nach den Ansprüchen der Profis und nicht nach dem schnellen Markt der halbgaren Lösungen. Damals war es dieser Fokus und die Motorola CPU, die die Kritik des geschlossenen Systems befeuerten.

Heute scheint Offenheit bei Apple keine Priorität mehr zu haben, obwohl viele Kritik in dieser Richtung im Detail nicht stimmt, bleibt insgesamt dieser Eindruck unwidersprochen.

Freiheit und Unabhängigkeit

Ein Apple war schon immer ein Computer für zuhause. Die Unabhängigkeit von Großrechnern und Netzwerken war ein Kerngedanke der ersten Tage. Noch immer funktionieren Macs ohne Zugriff auf das Internet perfekt, aber Apple setzt den Fokus immer stärker auf iCloud und die Services, so dass diese Bastion demnächst fallen könnte. 

Dazu gehört auch der Bereich des Rechtemanagements (DRM) und der Virenschutz (Gatekeeper). Apple arbeitete vom ersten Tag daran, dass die Lieder im iTunes-Music-Store frei vom Kopierschutz sind (Amazon war ein bisschen schneller). Heute kann ich nicht einmal von meinem iPhone über Lightning und HDMI eine iTunes-Serienepisode auf meinem Fernseher schauen, obwohl viele andere Apps keine Einschränkungen dieser Art haben.

Aluminium und Schlankheitswahn

Bevor Apple damit anfing Chips von Intel zu verbauen, waren alle ihre Rechner zum Großteil in Kunststoffgehäusen verbaut. Wegen des Branschutzes und einiger anderer Eigenschaften, waren die Chemikalien darin leider nicht völlig unbedenklich. Man sagt also, dass Aluminium, auch wegen seiner Eigenschaft, sich gut recyclen zu lassen, ein Schritt nach vorne für die Umwelt wäre. Das finde ich natürlich super und möchte das keinesfalls kleinreden. Allerdings ist Aluminium für mich ein unangenehmes Material: Es ist hart und kalt. Macs sind heute scharfkantig und ich fasse sie nicht mehr gerne an. Als Kind mochte ich metallisch schimmernde Oberflächen. Sie erinnerten mich an Science-Fiction. Heute aber würde ich mir ein wärmeres Material und fröhliche Farben wünschen.

Früher hatten Apple Geräte auch immer Platz, um sie anzufassen, ohne gleich eine Aktion auszulösen. Heute haben die Tastaturen keinen Rand und die iDevices reagieren bereits auf das Anheben und die Stimme, wenn man gar nicht bewusst mit ihnen etwas getan hat.

User Interface, Bildschirme und Akkus

Dieser Punkt ist etwas diffuser. Wenn ich damals einen Macintosh auf dem Schreibtisch hatte, dann blieb viel Platz für anderes. Das kann man heute auch noch haben, wenn man einen Mobilrechner benutzt. Der aber hat immer einen Akku und mit Maus, Tastatur, Macbook, iPad, Watch, Airpods und iPhone sind Strahlung und Akkuverbrauch sicher ein Thema. Nehme ich stattdessen einen iMac habe ich ein riesiges Flutlicht vor mir, aber mein Schreibtisch ist voll - nur hinter dem Bildschirm ist unnötig viel Platz. (Was zum Teil auch daran liegt, dass ich den Bildschirm nicht weiter als einen ausgestreckten Arm entfernt aufstellen kann, wenn ich keine Brille bemühen möchte.)

Mit dem iPad Pro hat man einen Bildschirm passabler Größe, aber das User Interface versteckt viele Funktionen hinter obskuren Touch-Gesten, die ein Anfänger nur schwer entdecken kann.

Für kreative Köpfe

Wenn man in der Kreativindustrie ist, dann gibt es natürlich Prozesse und Verfahren, die man einhalten muss. Oft ist es aus gutem Grund kompliziert ein Produkt zum Kunden zu bringen. Das gilt für Videos, Musik, Bücher und Programme. In der Vergangenheit machte es Apple aber vor allem auch denen leicht, die nicht professionell organisiert waren, wenn sie ihre kreativen Ergebnisse an Freunde, Bekannte und Verwandte weitergeben wollten. iDVD und Hypercard sind Paradebeispiele bezüglich Video und Programmieren, aber auch die „Share“-Funktion für Twitter und Facebook in Mac OS 10.9 gehört dazu.

Inzwischen hat Apple aber einen stärkeren Fokus auf den Konsum von Inhalten bekommen und die direkte Verbindung zwischen den Nutzern leidet meiner Meinung nach darunter. 

No Silver Bullet

Ich denke jeder Nutzer fragt sich gelegentlich, ob er nicht das System wechseln sollte, wo ihm doch die Probleme so bewusst sind. Für mich bleibt der Mac die Plattform der Wahl weil die Alternativen bei den mir wichtigen Punkten den Mac nicht erreicht oder zumindest nicht überholt haben. Offenheit und Unabhängigkeit gibt es natürlich unter Linux viel stärker als bei anderen Systemen, aber offen für Closed Source ist es nicht und es gibt zu viele Probleme mit der Zusammenarbeit  - z.B. bei Musik und Video-Produktion.

Die besten Drittanbieter?

Davon abgesehen gibt es für den Mac viele Programme, die eine beinahe optimale Nutzererfahrung bieten. Wer sich spontan an OmniGraffle wagt, wird schneller schöne Ergebnisse bekommen, als wenn er sich eine Woche lang in Visio einarbeitet. Mit Cheetah3D ist man dem Blender-Nutzer ebenfalls schnell davongelaufen, und BBedit schlägt Notepad++ in der gleichen Metrik. Und sogar der Finder kommt näher an die Workbench heran als Directory Opus für Windows.

© Sven Mertens 2019