The Humane Interface

Jef Raskin war auf seine Weise eine schillernde Figur. Mit klarem Fokus und soliden Prinzipien drückte er nicht nur dem Canon Cat und dem Macintosh seinen Stempel auf. Viele seiner Thesen fanden auch an unerwarteten Orten ihre Anwendung. Das bekannteste Buch aus seiner Feder ist vermutlich »The Humane Interface«, das bei Addison Wesley erschienen ist. Anfang des Jahres legte ich mir das Buch zu und las bei fast jeder Gelegenheit aufmerksam und mit leichtem Zweifel in dem 233 Seiten starken Werk.

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Was GUI-Design angeht bin ich kein unbeschriebenes Blatt. Schon in jungen Jahren verschlang ich das CATS-Buch, das im Gegensatz zu »Microsoft Widows User Experience« weniger umfangreich, aber dafür wesentlich durchdachter und eher allgemeingültig ist. Obendrein ist das Amiga-Buch so schön geschrieben, dass man es wirklich gerne liest.

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Letzteres ist bei Raskin nicht unbedingt der Fall. Oft hält sich an einer Beschreibung länger auf, wenn eine prägnante Liste dem Zweck besser gedient hätte. Auch hat er seine persönlichen Vorlieben, die er schon mal versehentlich unter fachlich begründete Aussagen mischt, ohne das kenntlich zu machen. Mitunter bewirbt der Autor hier seine eigenen Produkte.

Was das Buch aber bedeutsam macht, ist dass es über Nutzerschnittstellen in ungewohnter Tiefe und vor allem grundlegend reflektiert. Diese Form der Betrachtung ist wichtig, denn jeder der viel mit Rechnern arbeitet, kennt die Frustration, die von schlechter Software erzeugt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass jemand nach der Lektüre von »The Humane Interface« noch unbedacht Modi in sein Programm einfügt, oder Wahlschalter benutzt, bei denen An- und Aus-Zustand verwechselt werden können.

Das Buch zeigt allerdings auch sein alter, denn obschon Touch-Interfaces erwähnt werden, passen die Empfehlungen von Raskin eher in eine Zeit, als noch der Gebrauch von physischen Tastaturen die vorrangige Eingabemethode war. Der Umgang mit Audio- und Videomaterial fehlt praktisch vollständig und selbst bei Bildbearbeitung sind die Untersuchungen eher schwach. 

Bitnacht Wertung: ☽☽☽✦✦ (drei von fünf Mondnächten)

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Optische Gestaltungstipps, wie hier in „The Icon Book“ von Horton, fehlen im Buch von Raskin.


© Sven Mertens 2018