Desktop persönlich: Workbench

Was für mich den Amiga auszeichnete war nicht nur, dass er 4096 Farben und Stereosound hatte und schnelle Animation beherrschte. Das Multitasking-Betriebssystem Amiga OS (damals noch »AmigaDos«) hatte die Workbench. 

Die Workbench ist ein bisschen wie der Finder oder Windows, aber gleichzeitig simpler und vielseitiger.

Workbench hat wie der alte Mac Finder einen spatialen Ansatz. Das bedeutet, dass der Computer die Dinge nicht von sich aus umsortiert oder bewegt. Ein Fenster, ein Icon oder ein Menüeintrag wird immer dort sein, wo man ihn/es zuletzt gesehen hat (wenn man gespeichert hat … oder eben an seiner Ausgangsposition zuvor). Wenn unter Windows eine neue Datei mit dem Namen »Manila.txt« von letzter Woche in ein Verzeichnis bewegt wird, dann rutscht entweder die Datei »Polly.txt« nach hinten, oder die Datei von gestern - je nachdem, ob nach Datum oder Namen sortiert wird. Und das kann bedeuten, dass man sogar scrollen muss, um zu finden, was man dauernd braucht.

Was aber genauso bedeutend ist: Die Workbench kommt mit »IconEdit«. Der User ist sofort in der Lage, jeder einzelnen Datei ein passendes Aussehen zu geben. Mit einem Blick kann er dann erkennen, welcher Ordner (Workbench nennt ein Verzeichnis nicht Ordner sondern konsequent »Schublade«) von ihm umgestaltet wurde. Gruppenbeziehungen jenseits aller Tags und Dateinamenkonventionen werden sichtbar. Diese Icons sind sogar animiert: Eine ausgewählte Schublade steht immer einen Spalt weit offen und das Kompressionsprogramm stampft das Datenpaket sichtlich zusammen.

Wenn ein Piktogramm wichtiger ist als die anderen, oder man besonders viele Details im Bild brauchte, macht man das Symbol einfach größer und falls ein paar pixel reichen geht es auch ganz klein. Das macht zwar zunächst einen unordentlichen Eindruck, aber es ist leichter eine nützliche Anordnung zu finden.

Was dem Amiga und der Workbench aber nicht geholfen hat, war die Auflösung: Um mit normalen Fernsehbildern arbeiten zu können, hatte der Amiga sich auf schlanke Pixel festgelegt, die überhaupt nicht zu den modernen Monitoren der 90er Jahre passten. Obendrein waren die Farben so gewählt, dass sie die Probleme mit schlechten Bildschirmen reduzierten. Später wurden die Farben dann geändert, so dass die Hälfte aller Programme auf dem Bildschirm immer schlecht aussah. Wer den Amiga nicht kannte wurde von solchen Bildern nicht zum Kauf überzeugt.

Nicht dass sich - außer einiger rühmlicher Ausnahmen - besonders viele Firmen die Mühe gemacht hätten, Bürosoftware für die Workbench anzupassen. Es war das übliche Henne-Ei Problem. Wären doch damals nur die Leute von Apple und Microsoft etwas besorgter um ihren Status gewesen, vielleicht hätten sie dann ja die ungemein praktische Workbench dort kopiert, wo sie für den Nutzer das beste Angebot hatte.

Noch heute hasse ich es, eine Datei am Ende mit ».txt« oder ».docx« nennen zu müssen, bloß weil diese Systeme nicht mehr in der Lage sind sich den Datentyp irgendwo anders abzuspeichern. Der Dateiname gehört dem User - nicht dem System. Das Datei-Icon und Ordner-Icon ebenso. Mein Computer - meine Entscheidung!

© Sven Mertens 2018