DTP-Software damals und heute

Serif stellt dieser Tage seine Vorab-Version von Affinity Publisher vor. Ich habe das Programm geladen und mit meinen alten Favoriten verglichen.

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Viele wollten damals eine Schülerzeitung machen. Mit Fixo-Gum-Klebstoff und einem Fotokopierer ging man zu Werke, aber wer modern war, der machte das mit dem Computer. Computer mit schneller Grafik machten WYSIWYG möglich und das brachte eine neue Programmgattung hervor: DTP-Software.

Für eine Schülerzeitung fehlte mir das Interesse an den Inhalten, aber eine Computerzeitung - das wollte ich unbedingt probieren. Ein paar Gleichgesinnte waren schnell gefunden, nachdem ich mit „The Newsroom“ einen Prototyp ausgedruckt hatte. 

Das Programm, das es für C64, den Apple ][ und eine Reihe von anderen Heimcomputern gab, hatte eine beinahe freundliche grafische Benutzerschnittstelle und eine ansehnliche Sammlung von Clip-Art-Grafik. Das zweispaltige Layout war recht streng, ließ sich aber mit ein paar Tricks ganz gut für kleinere Artikel nutzen. Trotzdem sehen sich (bis zu einem gewissen Grad) alle Newsroom-Zeitungen ein wenig ähnlich - nicht zuletzt auch, weil nur fünf Schriftschnitte zum Einsatz kamen.

Später, als wir auch GEOPUBLISH hinter uns gelassen hatten und mit Pagesetter auf dem Amiga experimentierten, spotteten wir oft über die Druckqualität des alten MPS-Druckers: „Verbinde die Punkte und lies die Zeichen“. Man musste nicht unbedingt einen 24-Nadel-Drucker haben, aber ein Ausdruck mit weniger als 200DPI wurde nicht mehr toleriert.

Nun ist es einerseits im Zeitalter des Internets etwas antiquiert, wenn man Druckerzeugnisse generiert, obwohl das Publikum doch online viel besser zu erreichen ist. Andererseits sind gerade bezüglich der Gestaltung HTML und CSS noch weit von der Ausdrucksvielfalt gedruckter Magazine entfernt. Braucht die Welt jetzt ein neues DTP-Programm?

Affinity-Designer benutze ich oft und gerne und auch Affinity Foto verwende ich gelegentlich. Beim Öffnen von Affinity Publisher habe ich ein Déjà-Vu, denn auf den ersten Blick sind die drei Programme nicht zu unterscheiden. Es zeigt sich, dass es hier nicht um ein Programm für den Anfänger geht. Zwar ist schnell eine Seite zurechtgezimmert, aber all zu leicht sind die Ränder falsch und die Schriftgrößen unterschiedlich. Ohne einen Rückgriff auf die Anleitung bzw. die Tutorial-Videos, die dankenswerter Weise bereits beim Programmstart angeboten werden, bleiben die Ergebnisse weit hinter dem Potenzial des Programms zurück. Man kann viel einstellen und muss es aber eben oft auch. Allerdings nur einmalig, denn die Möglichkeiten von Master-Seiten und Stil-Vorlagen erscheinen umfangreich und professionell. Ich habe nicht die Zeit, das Programm auf Herz und Nieren zu prüfen, aber ich bin zuversichtlich, dass es für den ernsthaften Einsatz zu überzeugen weiß.

© Sven Mertens 2018